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DIE SCHLAFWANDLER - DEFENSIVER PATRIOTISMUS


28.10.2013. / Akademediasrbija
Von RAINER BLASIUS

Die deutschen und österreichischen Politiker waren im Sommer 1914 nicht die einzigen Imperialisten, auch nicht die einzigen, die in Europa unter einer kriegerischen Paranoia litten.

 Der 28. Juni 1914 - ein Sonntag mit herrlichem Wetter in Sarajevo. Dennoch war für den Besuch des österreichisch-ungarischen Thronfolgers und seiner Gemahlin ein „unglückliches Datum“ gewählt worden. Am „Veihtstag“ hatten im Jahr 1389. osmanische Verbände ein serbisches Heer auf dem Amselfeld geschlagen und die Ära eines serbischen Reiches auf dem Balkan beendet. Daran erinnert auch der in Cambridge lehrende Historiker Christopher Clark ausdrücklich. Daher war für serbische Ultranationalisten - „sowohl in Serbien selbst als auch im ganzen irredentistischen Netzwerk in Bosnien“ - die Ankunft des Erzherzogs Franz Ferdinand und der Herzogin Sophie von Hohenberg an diesem Tag „ein symbolischer Affront, der nicht unbeantwortet bleiben durfte“.

Mehrere potentielle Attentäter standen bereit - mit Bomben und Revolvern ausgerüstet. „Die offiziellen Sicherheitsvorkehrungen glänzten durch Abwesenheit. Trotz der Warnungen, dass ein Terroranschlag wahrscheinlich sei, fuhren der Erzherzog und seine Frau im offenen Wagen an einer Menschenmenge vorbei, noch dazu auf einer Route, die alles andere als eine Überraschung war.“ Eine erste Bombe verfehlte ihr Ziel. „Ob der Erzherzog selbst die Bombe sah und es ihm gelang, sie mit der Hand wegzuschlagen, oder ob sie einfach an dem zusammengefalteten Dach hinter dem Fahrgastraum abprallte, ist nicht ganz klar.“ Die Bombe explodierte unter dem folgenden Fahrzeug und verletzte einige Offiziere.

Der Erzherzog reagierte kaltblütig: „Ein Splitter hatte Sophies Wange gestreift, aber sonst blieb das Paar unverletzt.“ Statt die Gefahrenzone sofort zu verlassen, kümmerte sich Franz Ferdinand zunächst um die Verwundeten und ordnete danach an, dass die Kolonne zum Rathaus weiterfahren solle. Dort wurde das offizielle Programm abgespult und ein Termin geändert, um einen Besuch der eben verwundeten Offiziere zu ermöglichen. „Ursprünglich hätte sich das Paar jetzt trennen sollen: der Erzherzog ins Museum und seine Frau zum Gouverneurspalast.“ Doch Sophie wollte Franz Ferdinand ins Hospital begleiten.

Jetzt fuhr der Wagen auf den verblüfften Gavrilo Princip zu: „Da es ihm nicht gelang, rechtzeitig die an seine Hüfte gebundene Bombe loszumachen, zog er stattdessen den Revolver und schoss zwei Mal aus kurzer Entfernung. Zunächst sah es so aus, als hätte der Schütze sein Ziel verfehlt, weil Franz Ferdinand und seine Frau reglos und aufrecht auf ihrem Platz verharrten. In Wirklichkeit lagen beide bereits im Sterben. Die erste Kugel hatte die Tür des Autos durchschlagen, war in den Unterleib der Herzogin eingedrungen und hatte die Bauchschlagader durchtrennt; die zweite hatte den Erzherzog am Hals getroffen und die Halsvene zerrissen.“ Die Herzogin lebte nicht mehr, als das Auto den Gouverneurspalast erreichte und das Paar hineingebracht wurde. Der Kammerdiener stellte noch eine Frage, „aber es kam keine Antwort mehr; die Lippen des Erzherzogs erstarrten bereits. Binnen weniger Minuten realisierten die anwesenden Personen, dass der Thronerbe tot war. Es war kurz nach 11 Uhr. Als sich die Nachricht vom Palast aus verbreitete, begannen in ganz Sarajevo die Glocken zu läuten.“

Clark ist ein meisterhafter Erzähler. In drei Buch-Teilen - „Wege nach Sarajevo“, „Ein geteilter Kontinent“ und „Krise“ - entfaltet er ein fesselndes diplomatie- und mentalitätsgeschichtliches Panorama des Vorkriegseuropas. Dessen Protagonisten nennt er Schlafwandler: „wachsam, aber blind, von Alpträumen geplagt, aber unfähig, die Realität der Greuel zu erkennen, die sie in Kürze in die Welt setzen sollten“. Für ihn ist der Kriegsbeginn „eine Tragödie, kein Verbrechen“. Er macht kriegstreibende „Falken“ und friedensbemühte „Tauben“ in den Außenministerien und Herrscherhäusern aller hauptbeteiligten Staaten aus.

Seine Darstellung setzt mit den Morden vom 11. Juni 1903. am Herrscherpaar in Belgrad ein. Bei dieser Verschwörung, die Peter I. auf den Thron brachte, spielte schon ein junger Leutnant der serbischen Armee eine Schlüsselrolle: „Dragutin Dimitrijević, der später wegen seiner massigen Gestalt ,Apis” genannt wurde, weil seine Anhänger ihn mit dem Stiergott des alten Ägyptens verglichen, war unmittelbar nach seinem Examen an der serbischen Militärakademie auf einen Posten im Generalstab befördert worden, ein untrügliches Zeichen für die hohe Meinung, die seine Vorgesetzten von ihm hatten.“ Er wurde 1903 zum Volkshelden und Nikola Pasić zum dominierenden Politiker, der bis 1918 mehrfach Regierungschef war.

Die Zielvorstellung einer „Vereinigung aller Serben“ - von ihnen lebten fünf Millionen außerhalb der Staatsgrenze, überwiegend im Habsburger und im Osmanischen Reich - hatte von nun an „Hochkonjunktur“, verbunden mit jener Loslösung von Österreich-Ungarn, die Frankreich seit 1906 durch umfangreiche Kredite erleichterte. Auf die Annexion von Bosnien-Hercegovina (seit 1878 besetzt) durch Österreich-Ungarn 1908 reagierte Serbien mit Forderungen, auf die es Ende März 1909 verzichten musste. Dies führte zur Gründung der Gruppe „Vereinigung oder Tod!“. Sie wurde unter dem Namen „Schwarze Hand“ bekannt und unterhielt ein „Ausbildungslager für Terroristen“. Der Umfang der Verschwörung vom Juni 1914 lasse sich kaum rekonstruieren, auch nicht die Motive von Apis in seiner Doppelrolle als Chef der „Schwarzen Hand“ und als Leiter des serbischen Militärgeheimdienstes. Wahrscheinlich wählte er den Erzherzog als Opfer aus, weil eine Reform der Doppelmonarchie anstand. Die Vorbereitungen zum Anschlag fanden in Belgrad statt; zudem war Pasić „so gut wie sicher“ bis „zu einem gewissen Grad über den Plan informiert“.

Was die Doppelmonarchie selbst betrifft, so widerspricht Clark der gängigen These vom unausweichlichen Untergang. Vielmehr habe Russland - beispielsweise durch heimliche Förderung der serbisch-bulgarischen Zollunion - Österreich in Bedrängnis gebracht. Überhaupt lasse sich in jener Phase eine erhöhte Kriegsbereitschaft in ganz Europa nachweisen, vor allem bei den Eliten. Dabei habe es sich um einen „defensiven Patriotismus“ gehandelt, „der die Möglichkeit eines Krieges umfasste, ohne ihn unbedingt zu begrüßen“. Die Vorrangstellung der zivilen Führungen vor den militärischen Stäben blieb laut Clark bis zum Frühjahr 1914 weitgehend intakt; es gab zudem „zögerliche Fingerzeige auf eine Verbesserung der Beziehungen zwischen Wien und Belgrad“ (Austausch von politischen Häftlingen, Regelung der „Ostlichen Eisenbahn“).

Weil das militärische Potential der Entente-Mächte Frankreich, Großbritannien und Russland anstieg, hätten Generale in Wien und Berlin viel vom Präventivschlag geredet, der allerdings „nie Bestandteil einer politischen Linie“ wurde. Das undurchsichtige System musste laut Clark von außerhalb gezündet werden - was am 28. Juni 1914 geschah. Bei den in extenso beschriebenen Aktionen der Juli-Krise - Hoyos-Mission, Poincaré-Staatsbesuch in Sankt Petersburg, Wiens Ultimatum an Belgrad, Debatten in London - ist von besonderem Interesse, wie Clark den „Blankoscheck“ vom 5./6. Juli, also die Zusage Berlins, sich vorbehaltlos hinter den Bündnispartner Wien zu stellen, interpretiert.

Demzufolge sah Deutschland das Risiko einer russischen Intervention als „minimal“ an: Sollte Sankt Petersburg jedoch die Rechtmäßigkeit des Wiener Anliegens gegenüber Serbien bestreiten, dann käme der große Krieg „lieber gleich“ als später; Reichskanzler von Bethmann Hollweg und Wilhelm II. wollten den „Grad der Entschlossenheit Russlands“ testen.

Am 28. Juli ging Österreich-Ungarn militärisch gegen Serbien vor, am 30. Juli lief die russische Mobilmachung an - eine der schwerwiegendsten Entscheidungen in der Juli-Krise, weil Russland glaubte, dass „die Unnachgiebigkeit Österreichs in Wirklichkeit die Linie des Deutschen Reiches sei“. Das britische Kabinett tendierte noch am 31. Juli zur Neutralität. Erst nach der deutschen Kriegserklärung an Russland habe sich die Londoner „Friedenspartei“ aufgelöst. Die Intervention an der Seite der Entente bot Großbritannien ein Mittel, „um sowohl Russland zu besänftigen und zu zügeln als auch Deutschland entgegenzutreten und es einzudämmen“, urteilt Clark.

Die deutschen Forderungen an Belgien vom 2. August seien ein „katastrophaler Fehler“ gewesen. Es wäre „vermutlich besser gewesen, einfach einzumarschieren und das belgische Territorium zu durchqueren. Unterdessen hätte man sich entschuldigen und im Nachhinein die Angelegenheit als fait accompli über eine Schadensersatzzahlung regeln können. Genau ein solches Vorgehen hatte die britische Regierung eigentlich von den Deutschen erwartet.“ Auf die deutsche Kriegserklärung an Frankreich und den Einmarsch ins neutrale Belgien reagierte London am 4. August mit der Kriegserklärung an Berlin.

In Europa gab es 1914 „keine Begeisterung für den Krieg an sich“, aber einen „defensiven Patriotismus, denn die Zusammenhänge dieses Konflikts waren so komplex und seltsam, dass die Soldaten und Zivilisten in allen kriegführenden Staaten überzeugt sein durften, dass sie einen Verteidigungskrieg führten, dass ihre jeweiligen Länder von einem entschlossenen Gegner entweder angegriffen oder provoziert worden waren, ja, dass sich ihre Regierungen nach Kräften bemüht hatten, den Frieden zu bewahren.“ Mit diesem versöhnlichen Resümee bezieht Clark die Gegenposition zu den vor 50 Jahren diskutierten Thesen über einen deutschen „Griff nach der Weltmacht“, die Fritz Fischer aufstellte. Ihm warfen Kontrahenten aus der Historikerzunft sogleich vor, den Artikel 231 des Versailler Vertrags rechtfertigen zu wollen, der „Deutschland und seine Verbündeten als Urheber“ des Weltkrieges anprangerte, um sie „für alle Verluste und Schäden verantwortlich“ machen zu können. Dieser „Anklage“ hatten sich Historiker und Politiker der Zwischenkriegszeit entgegengestellt und sich dabei auf David Lloyd George berufen: Der frühere britische Schatzkanzler und Premierminister (1916 bis 1922) meinte 1933 in seinen Kriegsmemoiren, dass unter den Herrschern und Staatsmännern des Jahres 1914 „kein einziger den Krieg gewollt“ habe und die Regierungen Europas „in den Weltkrieg hinein getaumelt“ seien.

In den sechziger und siebziger Jahren meinten Fischers Kritiker treffend, 1914 sei keine Großmacht frei von Verantwortung gewesen, daher bedürfe es gründlicher Untersuchungen, um den Anteil der anderen Staaten zu bestimmen. Daran hat sich Clark glänzend gehalten. Aus seiner Sicht entschied sich Fischer für einen „anklägerischen Ansatz“, der generell die Neigung verstärke, „die Aktionen der Entscheidungsträger als geplant und von einer kohärenten Absicht getrieben zu konstruieren“. Die „kriegerische und imperialistische Paranoia der österreichischen und deutschen Politiker“, die „zu Recht die Aufmerksamkeit Fritz Fischers und seiner historischen Schule auf sich zog“, dürfe man nicht kleinreden: „Aber die Deutschen waren nicht die einzigen Imperialisten, geschweige denn die einzigen, die unter einer Art Paranoia litten. Die Krise, die im Jahr 1914 zum Krieg führte, war die Frucht einer gemeinsamen politischen Kultur.“

Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2013. 895 S.

/Quelle : FAZ /


 


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